Podiumsdiskussion: Brunsbüttel - Ein Kohlekraftwerk macht blau?

Klimaschutzgründe legen eine umfassende Umstellung der Energieerzeugungsstruktur nahe. Dabei müssen die Akteure des Energiemarktes jedoch unter den vorgegebenen ökonomischen Rahmenbedingungen handeln.

Am 2. März diskutierten im Audimax der Universität Tübingen Vertreter aus Wissenschaft, Industrie, Politik und Zivilgesellschaft am Beispiel der Stadtwerke Tübingen und ihrer Investition in das Steinkohlekraftwerk Brunsbüttel, wie eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Strategie aussehen kann.


Foto Heiko Butz




Diskussionsteilnehmer:

Uwe LeprichProf. Dr. Uwe Leprich
Professor für Volkswirtschaftslehre und Energiewirtschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, außerdem Institut für ZukunftsEnergie-Systeme. Untersucht die ökonomischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie Akteursstrukturen des liberalisierten Energiemarktes.


Joachim NitschDr.-Ing. Joachim Nitsch
Ehem. Abteilungsleiter Systemanalyse und Technikbewertung am DLR Stuttgart. Autor der jährlichen Leitszenarien Langfristszenarien und Strategien für den Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland für das Bundesumweltministerium.


Quelle: http://www.tuebingen.deOB Boris Palmer
Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Tübingen und Unterstützer des Gemeinderatsbeschlusses zur Beteiligung der Stadtwerke am Kohlekraftwerksbau in Brunsbüttel. Initiator der städtischen Klimaschutzkampagne Tübingen macht blau, deren Ziel eine 10%ige CO2-Reduktion bis 2010 ist.


Bettina MorlokBettina Morlok
Geschäftsführerin von SüdWestStrom, einem Kooperationsunternehmen von Stadtwerken zur gemeinsamen Beschaffung und Eigenerzeugung von Strom mit Sitz in Tübingen.


Arne FirjahnDr. Arne Firjahn
Sprecher der Bürgerinitiative Gesundheit und Klimaschutz Unterelbe/ Brunsbüttel, die Einwendungen gegen die Genehmigung des Kraftwerks eingereicht hat. Promovierte in Physik zur Kernfusionsenergie, der er heute skeptisch gegenüber steht. IT-Berater, lebt 13 km von Brunsbüttel entfernt.


Moderation: Sepp Wais, Schwäbisches Tagblatt


Das Projekt Steinkohlekraftwerk Brunsbüttel

Der Stadtwerke-Verbund SüdWestStrom will im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel ein Steinkohlekraftwerk errichten. Mit 1.800 Megawatt elektrischer Gesamtleistung ist es das derzeit größte Steinkohle-Kraftwerksprojekt in Deutschland. Der Erwerb von Eigenerzeugungskapazität soll die Abhängigkeit der Stadtwerke von den großen Erzeugern verringern und so ihre Wettbewerbsposition auf dem oligopolistisch geprägten Energiemarkt stärken. Auch die Stadtwerke Tübingen sind mit Unterstützung des Tübinger Gemeinderats und OB Palmer an dem Projekt beteiligt.

Doch veränderte Rahmenbedingungen lassen Zweifel an der Rentabilität des Projekts aufkommen: Im Rahmen des EU-Emissionshandels müssen Kraftwerke ab 2013 100% der benötigten Emissionszertifikate ersteigern. Namenhafte Wirtschaftswissenschaftler haben sich in einer Erklärung aus finanziellen und klimapolitischen Riskiken gegen den Neubau von Kohlekraftwerke ausgesprochen.

Zudem ist speziell der Standort Brunsbüttel an der Unterelbe als Einspeisepunkt für Offshore-Windstrom vorgesehen. Der Strom des Kohlekraftwerks wird mit dem vorrangig eingespeisten Windstrom um die begrenzte Netzaufnahmekapazität konkurrieren. Laut einer Studie kann das Kraftwerk nur mit deutlich weniger Volllaststunden im Jahr betrieben werden als von den Investoren ursprünglich erwartet.

Wie wirtschaftlich und energiepolitisch sinnvoll die Investition der Stadtwerke in ein neues Kohlekraftwerk ist, diskutierten Entscheidungsträger, Wissenschaftler und Betroffene.


Hintergrundinformation

  • Wiese F., Universität und Fachhochschule Flensburg (2008): Auswirkungen der Offhore-Windenergie auf den Betrieb von Kohlekraftwerken in Brunsbüttel. Die Arbeit wendet ein stündliches Stromeinspeise-Modell der Offshore-Windenergie und der geplanten Steinkohlekraftwerke in Brunsbüttel an. Es zeigt, dass die als Grundlast konzipierte Kohlekraftwerkskapazität deutlich weniger ausgelastet werden kann als von den Kraftwerksinvestoren erwartet. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Erdgaskraftwerke niedrigere Stromgestehungskosten aufweisen würden.
  • Wirtschaftswissenschaftler/innen gegen neue Kohlekraftwerke (2009): In einer gemeinsamen Erklärung warnen über 60 Wirtschaftswissen-schaftler/innen vor den finanziellen und klimapolitischen Risiken neuer Kohlekraftwerke in Deutschland. (Präsentation zur Erklärung)


Presseschau

 
 
energiezukunft.txt · Zuletzt geändert: 22.11.2010 03:15 von Dorothee Lorenz
 
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